
Erfahrungsbericht von einem Forsttag, der erstaunlich viel über den Zustand unserer Branche verraten hat.
Worum es ging
Sieben Vorträge, eine Klammer: Wie überlebt ein Forstbetrieb in einer Welt, in der das Klima die Standorte umsortiert, der Holzmarkt schwankt wie selten zuvor und die Komplexität der Bewirtschaftung schneller wächst als das Personal nachkommt? Und welche Rolle spielen Daten und Digitalisierung dabei wirklich; jenseits von Hochglanzbroschüren und „4.0“-Buzzwords?
Was den Tag in Göttingen besonders gemacht hat, war nicht der einzelne Vortrag, sondern die Reibung zwischen den Perspektiven. Wissenschaftler haben gezeigt, was technisch heute geht. Großprivatwaldbesitzer und Berater haben gezeigt, was im Alltag tatsächlich ankommt. Die Lücke dazwischen ist die eigentliche Botschaft des Forums.
Die forstwirtschaftliche Ausgangslage: Es wird ungemütlicher
Dr. Moritz Freiherr von Blomberg eröffnete betriebswirtschaftlich und brachte einen Satz mit, den ich mir notiert habe: Ohne klares Betriebsziel sind Kennzahlen wertlos. Klingt banal, ist aber präzise. Wer nicht weiß, ob er kurzfristig Liquidität sichern oder langfristig Rentabilität aufbauen will, kann auch keine sinnvollen Entscheidungen über Diversifikation oder Förderung treffen. Einer seiner Kernindikator: Managementkosten pro Festmeter. Eine Zahl, die unbequem ehrlich ist.
Prof. Dr. Markus Ziegeler legte am Beispiel „Erwin“ (einem nordhessischen Waldbesitzer mit 20 Hektar) eine Bewertungslogik offen: Standortwasserbilanz: minus 125 Millimeter, ab minus 12 wird es kritisch. Daraus folgt: Buche nur noch als Mischbaumart, Douglasie als Hauptbaumart. Der ökonomische Vergleich war dann eindeutiger, als ich erwartet hatte: 16 Euro Holzproduktionswert pro Hektar und Jahr bei der Buche gegen 436 Euro bei der Douglasie. Bei der Kohlenstoffbindung 10 gegen 18 Tonnen pro Hektar und Jahr. Aktiver Waldumbau lohnt sich also nicht nur klimapolitisch, sondern auch betriebswirtschaftlich – eine seltene Konstellation, in der Privatinteresse und öffentliches Interesse in dieselbe Richtung zeigen. Wichtig hierbei ist aber uach: Die Douglasie soll nicht als Wunderbaumart verstanden werden.
Dr. Christian Wippermann brachte die Großprivatwaldperspektive aus Wallerstein mit. ca. 50/50 Nadelholz Laubholz, eine Altersklassenverteilung, die durch Stürme und Großeinschläge zwischen 1984 und 2000 zerschossen ist. Sein Motto „Die Mischung macht’s“ meint nicht nur Bäume, sondern Geschäftsfelder: Windenergie, Naturfriedhöfe unter dem Label „Ruhebaum“, CO₂-Zertifikate. Der Wald als Fläche, nicht nur als Holzproduzent. Was mich an Wippermanns Vortrag besonders überzeugt hat, war seine Selbstbeschreibung als Förster, „nicht Extremist“. Ein leiser Hinweis darauf, wie viele unausgewogene Konzepte gerade durch die Branche kursieren.
Aus dem Sauerland kam Lucas von Fürstenberg mit 1700 Hektar und einer wichtigen Korrektur eines weit verbreiteten Missverständnisses: Mischbestände erfordern mehr Personal, nicht weniger. Komplexere Strukturen, mehr Abstimmung, mehr Verantwortung in der Fläche. Wer glaubt, Digitalisierung ersetze Förster, hat den Übergang von Fichtenreinbestand zu Klimawald nicht verstanden.
Die digitale Antwort: Was heute technisch möglich ist
Jetzt wurde es spannend, weil zwei wissenschaftliche Beiträge zeigten, wie weit die Datenseite tatsächlich ist.
Prof. Dr. Thomas Purfürst sortierte die Datenflut über das DIKW-Modell ein: Daten werden erst durch Kontext zu Information, durch Erfahrung zu Wissen, und durch Verknüpfung mit einem Zielsystem zu Weisheit also zu Handlung. Sein Bild der Förster-Evolution von 1.0 bis 5.0 ist griffig: Vom mechanisierten Produzenten über den GPS-Nutzer und Supply-Chain-Manager bis hin zum KI-gestützten Multifunktionalitäts-Manager der Zukunft. Keine Science-Fiction, sondern eine Beschreibung dessen, was sich in seinen Forschungsprojekten gerade abspielt: autonome Drohnenboxen, AR-Brillen mit Baum-Overlay-Informationen, LIDAR überall.
Prof. Dr. Arne Nothdurft wurde dann sehr konkret. Mobile Laserscanner, getragen oder am iPhone/iPad, vermessen einen Stichprobenplot mit etwa 63 Bäumen in 7 bis 12 Minuten. Die Open-Source-Software „TreeX“ baut daraus digitale Zwillinge mit kompletter 3D-Vermessung: Stammverlauf, Astbiomasse, Höhe, alles. Entdeckungsrate: rund 99 Prozent. Präziser als die Kluppe, weil unregelmäßige Stammquerschnitte (gerade bei Eichen) manuell um bis zu 10 Zentimeter daneben liegen können. In Oberösterreich am Traunsee wurden so 5000 Hektar Schutzwald mit über 36000 Bäumen erfasst. Das Tool und die GEräte dazu muss ich mir mal angucken: Geräte-Investition: zwischen 12000 und 45000 Euro.
Wenn man die beiden Vorträge nebeneinander hält, wird klar: Das technische Problem ist gelöst. Daten gibt es im Überfluss. Das ist nicht die Engstelle.
Die eigentliche Engstelle: Vom Datum zur Entscheidung
Hier wurde der Tag ehrlich. Wippermann formulierte einen Hilferuf, der mir nachhängt: Es fehlt an leistungsfähiger, anwenderfreundlicher Standardsoftware für Inventur und Planung. Der Markt liefert sie nicht. Vermutlich, weil Forstbetriebe ein zu kleines, zu heterogenes Segment für wirtschafltich erfolgreiche Softwareentwicklung sind. Was übrig bleibt, sind Insellösungen, gebrochene Datenflüsse und der Versuch, mit Office-Werkzeugen zu kompensieren, was eigentlich Branchensoftware leisten müsste.
Fürstenberg traf den anderen wunden Punkt: Viele digitale Verfahren zeigen heute keinen unmittelbaren Return on Investment. Trotzdem ist Datensammlung jetzt richtig, weil historische Daten nicht nachträglich erhoben werden können. Wer in fünf Jahren an CO₂- oder Biodiversitätsmärkten teilnehmen will, braucht heute belastbare Referenzdaten. Wer das versäumt, schließt sich von zukünftigen Erlösquellen aus.
Christoph Desalers brachte die Provokation des Tages: „Wer nichts macht, macht alles falsch.“ Sein Bild vom „digitalen Investitionsstau“ trifft die Lage besser als jede Förderstatistik. Aufschieben ist eine Entscheidung, auch wenn sie sich nicht so anfühlt. Sein 4-Faktoren-Modell: digitale Führung, Handlungsenergie aus Problemdruck, Verbindung von Systemen und Menschen, Befähigung der Anwender ist ein praktisches Beratungsframework und sein Satz „Wenn man einen Scheißprozess digitalisiert, hat man einen scheiß digitalisierten Prozess“ raisonniert trotz oder wegen der Wortwahl und sollte über jedem Software-Auswahlgremium hängen.
Der gemeinsame Nenner der Vorträge aus meiner Sicht: Die Technik ist da. Was fehlt, ist die organisatorische, kulturelle und prozessuale Reife, sie zu nutzen. Genau in dieser Lücke spielen die Versäumnisse der Branche.
Was ich für meine Arbeit mitnehme
Drei Erkenntnisse, die ich sehr direkt in meinen Alltag übersetzen kann.
- Die Reihenfolge ist entscheidend.Erst Ziel, dann Prozess, dann Daten, dann Software. Wer mit dem Tool anfängt, hat verloren. Das gilt für jeden Betrieb, mit dem ich arbeite und ehrlich gesagt auch für meine eigene Arbeitsweise. Tool-getriebene Begeisterung ist mein eigener blinder Fleck, und das Forum hat ihn freigelegt. 🙂
- Datensammlung ist eine strategische Vorleistung. Nicht jeder Schritt muss sich rechnen. Manches ist Investition in zukünftige Optionalität. Das ist ein unbequemes Argument gegenüber Eigentümern, die in ROI-Logik denken. Aber dennoch ist es das richtige Argument, gerade jetzt.
- Die Lücke zwischen Wissenschaft und Praxis ist eine Marktlücke. Was Nothdurft, Purfürst und Ziegeler an Werkzeugen und Modellen vorlegen, kommt in den Betrieben nur fragmentiert an. Wer diese Übersetzung leisten kann – fachlich seriös, ohne Marketing-Glitzer – hat eine Aufgabe vor sich, die in den nächsten zehn Jahren nicht ausgeht.
Was sich daraus für einzelne Fokusgruppen ableiten lässt
Ich glaube nicht an pauschale Digitalisierungsrezepte. Was in den Forstbetrieben Wallerstein funktioniert, passt nicht für eine FBG mit 50 Mitgliedern. Drei differenzierte Hinweise:
Forstbetriebsgemeinschaften und Zusammenschlüsse sollten Skaleneffekte konsequent nutzen. Ein einzelner Kleinbetrieb wird sich keinen Laserscanner kaufen, aber ein gemeinsam beauftragter Inventur-Dienstleister rechnet sich. Auch CO₂-Zertifikatsprojekte oder Biodiversitätsnachweise lohnen sich erst über eine kritische Fläche (und ist so auch interessant für zum Beispiel C-Wald). Der Hebel hier liegt im gemeinsamen Datenstandard und in geteilter Infrastruktur, nicht im Werkzeug pro Mitglied. Er liegt in Standardsoftware (auch und gerade auf OpenSource-Basis) und auf gemeinsamen Prozessdefinitionen und dem Willen sich ein wenig zu bewegen.
Mittlere und große Privatbetriebe brauchen zuerst Klarheit über das Betriebsziel und die wenigen Kennzahlen, die wirklich steuern. Wippermanns Wallerstein-Beispiel zeigt, was möglich ist, wenn man Flächenmanagement breiter denkt – Wind, Bestattung, CO₂, Wasser, Holz. Hier ist Beratung sinnvoll, die nicht beim Holz endet, sondern bei der Frage: Welche Erlösquellen passen zu unseren Flächen, unserem Personal und unserem Risikoprofil?
Forstdienstleister stehen vor einer anderen Herausforderung. Ihr Wettbewerbsvorteil entsteht zunehmend an den Datenschnittstellen. Wer Harvester-Daten sauber an Sägewerke übergibt, am Polter digital vermisst und Auftraggebern transparente Daten liefert, wird gefragt sein. Hier geht es weniger um forstliche Beratung als um digitale Prozessintegration entlang der Lieferkette. Wo bei diese Überlegung und die Schlussfolgerungen daraus für mich noch die größte Unsicherheit darstellen – da fehlen mir auf jeden Fall noch Praxisbeispiele zu.
Was bleibt
Was mich nach dem Tag in der Aula meiner Alma Mater in Göttingen am stärksten beschäftigt, ist das Bild des Forums als Querschnitt durch eine Branche im Umbruch.
- Es gibt die Wissenschaft, die liefert.
- Es gibt die großen Betriebe, die experimentieren und Geschäftsfelder ausbauen.
- Es gibt die Berater, die mahnen, dass Aufschieben AUCH eine Entscheidung ist.
Und dazwischen? Sehr viele Betriebe, die wissen, dass etwas passieren muss, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen.
Genau an dieser Frage – wo fange ich an? – entscheidet sich, ob die nächsten zehn Jahre für viele Betriebe ein geordneter Übergang oder ein Reagieren von Schaden zu Schaden werden. Desalers’ 40-Tage-Aufforderung, also Ziele formulieren, Verantwortliche benennen, Termine setzen, klingt fast zu banal weil offensichtlich. Aber sie ist vielleicht das Beste, was man Betrieben gerade mitgeben kann, die spüren, dass sie nicht weiterwissen.
Wer war auch in Göttingen und hat die Vorträge anders wahregnommen oder hat Gedanken zu den hier skizzierten Punkten? Ich freue mich über Diskussion in den Kommentaren oder per Nachricht.
Der Vollständigkeit halbe: Das Vorwort hielt Oliver Hilpold, die Impulse von Thilo Wagner und Johanna Werk konnte ich leider nicht sehen.
Ursprünglich auf LinkedIn veröffentlicht am 2026-05-07 17:43.
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